2025 war verwirrend, beängstigend und ein bisschen merkwürdig. Parallel dazu war die Musik wie immer das, was alles ein bisschen besser konnte, als die Realität. Wenn sie diese nicht gerade gut beschrieben, gezeichnet und verstärkt hat. Ohne geht nicht. Das hier sind die 50 besten Alben des Jahres.
In wenigen Tagen erscheint der große Abschlusspodcast von Track17, in dem wir die besten Platten aus zahlreichen Genres und Rubriken küren. Bis dahin gibt es hier die Liste und die Texte zu den Alben des Jahres.
Heute die 50 Favoriten von Host Christopher.
Neben den unzähligen Songs, EPs und 12″s lag es auch an vielen Alben, dass ein Musikjahr hinter uns liegt, welches in die Seele kroch und nicht mehr hinauswollte. Und eins stimmte auch: Jedes Album aus den Top Five wäre in den letzten beiden Jahren vermutlich auf der eins gewesen. Zwischen melancholischem Cold Wave, tiefgrauem Avantgarde-Folk, verwaschenen House-Experimenten, stampfenden Gitarren-Beats und vielen, vielen Fragezeichen in ganz besonderer Musik, verweigert auch in diesem Jahr so viel seine Kategorisierung. Hier die Top 50 Alben des Jahres 2025 mit einer Siegerin, die gar nicht anders konnte.

50 – 46
50_ Nele de Gussem – The Loom Of Longing
49_ Nightbus – Passenger
48_ Whatever The Weather – II
47_ Squid – Cowards
46_ Hypochondrische Ängste – Real Authentic Berlin Street Love
Die Weniger-ist-mehr-Attitüde, die Nele de Gussem auf ihrem neuen Album an den Tag legt, steht den zerbrechlichen Minimal-Pop-Perlen ziemlich gut, die sie anbietet. Der von Trip-Hop und Bass heimgesuchte Post-Punk der Brit*innen von Nightbus lädt zum Tanz in der Nacht ein, während Loraine James auf der zweiten Platte ihres temperaturfixierten Ambient-Projektes Whatever the Weather weitestgehend auf Beats verzichtet, um an Atmosphäre zu gewinnen, Squid ihre ausladend-irritierende Gitarrenmusik ein angenehmes Stück chaotischer werden lassen und das Künstler*innenkollektiv Hypochondrische Ängste ein Stream-of-Consciousness-Poetry-Slam-Theater-Post-Punk-Gemisch auf uns wirft.
45 – 41
45_ Erika de Casier – Lifetime
44_ Güner Künier – Yaramaz
43_ TOPS – Bury The Key
42_ Scott Evil – Big Dipper
41_ Rosa Anschütz – Sabbatical
Der in die 90er schielende Slow-Burn-R&B von Erika de Casier holt, bevor er das Licht ausmacht, noch ein bisschen Soul und Trip-Hop dazu. Deutlich lauter geht es bei Güner Künier zur Sache, deren großartiger türkisch- und englischsprachiger Mix aus Synth-Wave und Post-Punk die Ohren durchpustet, während die Kanadier*innen von TOPS gewohnt stilsicher vergangene Dekaden aufsuchen, dieses Mal mit sleazy-glamourösen 70er-Sounds. Seit fast 15 Jahren können und wollen sie nicht anders als gut sein. Die Lücke, die Westkust hinterlassen haben (R.I.P.), versucht das Kölner Quintett Scott Evil zu schließen, und wer so gut weiß, wie Shoegaze und Dream-Pop funktionieren, schafft es auch. Etwas düsterer, etwas waviger, etwas gespenstischer dagegen: das neue und von Geheimnissen umgebene Album von Rosa Anschütz.
40 – 36
40_ James Din A4 – Never Look Back
39_ Tuvaband – Seven Ways of Floating
38_ Hillary Woods – Night CRIU
37_ NZO – Come Alive
36_ Marina Zispin – Now You See Me, Now You Don’t
Nur ein Jahr nach dem herausragenden „Ins Licht“ kommt James DIN A4 (der Name wird ewig ein Gewinner bleiben) mit der nächsten Fuhre mitternächtlicher House-Romantik um die Ecke. Verschleppte Beats, spooky Stimmung, viel Hall und Songs, die an Pop erinnern: das neue Album der Norwegerin Tuvaband. Gerne. Hillary Woods findet ihre Stimme wieder und damit die perfekte Stimmung dieses kleinen, düsteren Albums. Auch wenig Licht findet sich auf dem NZO-Album, auf dem knarzende Bassmusik, jede Menge Nebel, Grime, 2-Step und noch mehr Nebel Musik ergeben, die deshalb so viel Spaß macht, weil sie selbst keinen hat. Und bevor hier jemand einen Lichtschalter findet, hören wir noch mal das neue Marina-Zispin-Album zwischen Minimal-, Cold- und Synth-Wave.
35 – 31
35_ Heartworms – Glutton For Punishment
34_ Acopia – Blush Response
33_ Maria Somervile – Luster
32_ Troth – An Unfinished Rose
31_ Ohyoung – You Are Always On My Mind
Zwei Jahre nach ihrer bei Track17 zurecht gehypten EP will auch das erste Album der Britin Heartworms zwischen Dance-Punk und Post-Punk für Schweiß auf dem Tanzboden sorgen. Die Gitarren auf dem slowcorigen Shoegaze-Pop von Acopia sind zwar gar nicht so unähnlich, die Australier*innen lassen es aber deutlich langsamer angehen und wollen daran erinnern, wie nett das doch damals war mit Trip-Hop. Der von Nebel umhüllte Dream-Pop von Maria Somerville möchte gerne erst nach Mitternacht gehört werden, während der spacig-pluckernde DIY-Pop des Duos Troth mit Dub und Harfe im Gepäck antanzt. Und was aus dem düsteren wie unwiderstehlichen Pop-Not-Pop von OHYOUNG alles an Emotionen herauszuholen ist, verdient Sonderapplaus.
30
Gaiko
Gaiko
Nous’klaer Audio

Der sonst so düster wirkende Drum-’n’-Bass-Sound wirkt beim Belgier Gaiko ungewohnt bunt, euphorisch und einladend. Sounds, die wir sonst eher der Nacht zuordnen, holt er aus dem Keller und schaut mutig, ob er irgendwo einen Farbeimer findet. Stattdessen ist das Musik, die aus ihrer Geschwindigkeit heraus etwas Befeuerndes und ungemein Positives versprüht. Ein kurzes Vergnügen. Aber ein Vergnügen.
29
Helen Island
Silence Is Priceless
Knekelhuis

Der Nebelschleier, unter dem Helen Island hier entscheidungsparalysige Dinge singt wie „I’m scared / There’s so many options“, umhüllt merkwürdige Musik voll von zarten Melodien, digital verfremdeten Hooks und dem Bock auf das Anderssein. Von weirden Balladen bis tanzbarem Lo-Fi-Dream-Pop ist alles dabei, was der Nacht Spaß macht.
28
Lucrecia Dalt
A Danger To Ourselves
RVNG Intl.

Die Kolumbianerin hat vor drei Jahren eines der aufregendsten Alben der frühen 20er vorgelegt. Auch der Nachfolger bewegt sich auf einer kleinen Theaterbühne, um dort seinen experimentellen Avantgarde-Pop zwischen Sci-Fi-Bolero und spanischsprachiger Weirdness aufzuführen, ist aber etwas konfrontativer, unheimlicher, sperriger.
27
Carrier
Rhythm Immortal
Modern Love

Dass ein so abseitiges Dub-Drum-’n’-Bass-Monstrum in seinem spleenigen, minimalistischen Gekratze und Gebrumme so wohlig-warme Gefühle auslösen durfte, war so überraschend wie erfreulich. Like, wer gerne mit Löffeln auf Pfannen schlägt, um noch etwas zu fühlen. Wir sind viele.
26
Just Mustard
WE WERE JUST HERE
Partisan Records

Die irische Band Just Mustard hat sich nach einem eher introvertierten letzten Album jetzt für die lauteren Töne entschieden. Natürlich werden deshalb auch die Songtitel mittlerweile in ALL CAPS serviert, bevor das noch untergeht. Versinken kann man hier ganz prima. Wahlweise geht auch zerquetscht werden, wenn die turmhohen Shoegaze- und Noise-Pop-Gitarrenwände auf einen stürzen. Es gibt Schlimmeres.
25
Debit
Desaceleradas
Modern Love

Wie die amerikanisch-mexikanische Produzentin und Komponistin hier die Ambient-Hülle aufschraubt, noisy Field Recordings, Samples und bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Instrumente (ihr werdet das Akkordeon nicht finden, versprochen) in diesen Sound presst, der jeder Beschreibung spottet und hoffentlich zum Sound des Weltuntergangs wird, verdient nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Applaus. Musik ist so weird manchmal.
24
Betty Hammerschlag
Fake Girl
blush

Das weiß auch Betty Hammerschlag, die 2025 gleich zwei Alben veröffentlicht hat, von denen der gespenstisch-nebelige Hauntology-Folk auf „Fake Girl“ die Spaziergänge auf die Friedhöfe eurer Wahl begleiten darf, die ihr macht, wenn es dunkel wird (also ab 16 Uhr). Nicht alles hier will Songs sein, aber nichts verkommt zum reinen Vibe.
23
YHWH Nailgun
45 Pounds
AD93

21 Minuten High-Speed-Gefrickel zwischen hibbeligem Math-Rock, No Wave und Industrial. Zeit für Pausen hat das kurze, aber wuchtige Debüt der New Yorker nicht, auf dem nur ein Song so dreist ist und die Dreiminutenmarke knackt. Checkt doch mal, ob eure Lieblingsfolge der Simpsons kürzer oder länger als diese Platte ist.
22
Efdemin
Poly
Ostgut Ton

Bei einem Comeback von Phillip Sollmann aka Efdemin bin ich natürlich ganz Ohr. Entschuldigt. Das Update seines ohnehin schon sehr deepen Techno-Ansatzes geht voll auf, weil er mit teilweise mikroskopisch kleinen Verschiebungen und einem feinen Gespür für Rhythmus und Repetition eines der spannendsten Alben seiner Art in diesem Jahr veröffentlicht.
21
Mhaol
Something Soft
Merge Records

Feministischer Disco-Punk, mal mehr Disco, mal mehr Punk, dafür immer ultra tanzbar und immer auf die sogenannte zwölf. Falls ihr euch manchmal fragt, wo eure Energie abgeblieben ist, wenn ihr kaum aus dem Bett kommt: Hier ist sie. In diesen 30 Minuten steckt alles, was irgendwie mit Bewegung zu tun hat. Endlich sind wir entschuldigt.
20
Introspekt
Moving The Centre
Tempa

Das Comeback des britischen Kellerkindes unter den Musikgenres, nämlich Dubstep, wird gern genommen. Vor allem, da es sich mit neuen Stimmen und frischem Sound endlich weiter von den immer gleichen Perspektiven früherer Jahre verabschieden darf. Bei Introspekt rollen Bässe, stolpern Breakbeats und brummen Garage-Beats mit jeder Menge Funk in den müden Knochen.
19
Saeko Killy
Dream In Heaven
Bureau B

Die verwobenen Synth- und Dub-Pop-Songs der Japanerin docken auch auf ihrem zweiten Album wieder ganz wunderbar an alles an, was man in den 80ern am liebsten aus Tape-Kisten hiesiger Hinterhof-Flohmärkte gegrabbelt hätte, wäre man denn dabei gewesen, sowie an das, was in den letzten Jahren an Revivalstimmung aufkam, wenn es um gestrige Musik von heute geht. Diese akustischen Zwischenwelten, in denen alles ein Stückchen geheimnisvoller ist, kann sie besonders gut.
18
Deradoorian
Ready For Heaven
Fire

Dub, Disco, No Wave, Post Punk. Und das alles so eiskalt vorgetragen, dass man bei dem, was man mit Wohlwollen als Tanzen bezeichnen würde, (I like to move it, I just don’t know how) ins Schwitzen kommt. Deradoorian, die schon mit den Dirty Projectors und Kate NV immer eine Sonderausfahrt aus dem Pop genommen hat, groovt sich gekonnt durch ihre beste Solo-Platte.
17
Ehua
Panta Rei
3024

Wenn Platten auf dem Label des niederländischen Bass-Veteranen Martijn Deijkers veröffentlicht werden, hagelt es solides Grundvertrauen. Und höre da: Das Album der italienischen Produzentin ist eine freundschaftliche Umarmung (umarmt euch mehr) verschiedener artverwandter Genres von Bass, House, Grime, Rave oder stotterndem Breakbeat, die viel mit ihren Drums und Rhythmen anzufangen wissen.
16
Σtella
Adagio
Sub Pop

Lassen wir ausnahmsweise etwas die Sonne in diese Liste. Der griechische Mittelmeer-Pop ist der Soundtrack zum zarten Windhauch, der sich unter das kurze Hemd schleicht, und zu dem Moment, in dem die erste Sonnenbrille der Saison getragen werden muss. Zum Glück aber, das hat der Selbstversuch bewiesen, ist es völlig in Ordnung und angebracht, dieses Album auch im Dezember zu hören. Wir schaffen das.
15
JJULIUS
Vol. 3
DFA

Seitdem das altehrwürdige Dance-Punk-Label DFA sich als Plattform für experimentierfreudige Musik aus aller Welt neu aufgestellt hat, lohnt sich das Zuhören umso mehr. Der Schwede JJULIUS versucht es mit abseitigem und nostalgischem Dream-Pop, bei dem die Bläser aus dem Nebel klettern und alle Songs so klingen, als seien sie der Cooldown oder die End Credits nach der Bewältigung eines schwierigen Tages. Wir schaffen das.
14
Barker
Stochastic Dreams
Smalltown Supersound

Seinen Durchbruch feierte der DJ und Produzent mit Techno, der auf die klassische Kickdrum verzichtet. Sein neues Album knallt jetzt wieder mehr – mit verschleppten Breaks, zittrigem IDM und analogen Drums. Aber auch besser? Das ist so eine Frage, die liebend gern mit „Ja“ beantwortet werden darf. Wenn schon dieses Album sich euphorisch zeigt, sollten wir das auch. Ausnahmsweise.
13
Neuzeitliche Bodenbeläge
Neue Kreise
Bureau B

Barjazzig, yacht-rock-orgelig, 70er-Jahre-futuristisch, schwitzig-elegant. Willkommen bei den Sound gegossenen hochgekrempelten Lederjacken, verklebten Kneipenböden und der berechtigten Frage, ob es nicht noch ein Glas Rotwein mehr sein darf. Und dann hebt irgendwann ein klappriges Raumschiff ab; vielleicht sieht man vor lauter Rauch noch ein bisschen. Macht nichts. Plötzlich steht hier ein Cocktail mit meinem Namen drauf. Wundervolles Album.
12
INIT
Pool Jams
R.i.O. Label

Der Pop-Nicht-Pop des Duos denkt den Soundtrack zur Pool-Party etwas vernebelter. Das ist eher etwas für die Party, zu der niemand eingeladen wird und man mit Kopfhörern am Wasser liegt. Trip-Hop hat eine Nähe zu Hip Hop hat eine Nähe zu RnB hat eine Nähe zu Soul hat eine Nähe zu Wave hat eine Nähe zu Pop hat eine Nähe zu Synths. Das geht auf. Die Songs von Benedict Frey und Nadia D’Alo gleiten zaghaft durch diese Platte, scheinen sich erholen zu wollen von einer Anstrengung, die man nur erahnen kann.
11
DJRUM
Under Tangled Silence
Houndstooth

Felix Manuel mit einem neuen Album voll wunderschöner bleepy Electronica. Getrieben von klassischen Elementen, seiner Piano-Arbeit und einem Cello vermischen sich zarter Ambient-Techno und hibbeliger IDM. Zickig, rastlos. Das ist Musik, die so voller Euphorie daherkommt, dass sie sich bei der wilden Wackelei nur zu gerne selbst ein Bein stellt. Eine gar nicht so zaghafte, aber sehr erfolgreiche Annäherung von traditionellen Instrumenten und technoiden Sounds.
10
Smerz
Big City Life
escho

Das norwegische Duo erkundet die große Stadt und verliert sich im Verlieben, in Freundschaften, im Erwachsenwerden mit Mittelfinger-Attitüde, im Sex und im Von-allem-überfordert-sein, bevor sie die große Reflexion starten. Alles eingebettet in Lo-Fi-Pop, der mit jeder Melodie flirtet, die er findet.. Catchy as catchy can get. Tracks wie das vernebelte „But I Do“ könnten auch auf der CarlaDalForno/RaisaK/AstridSonne-Akademie für abseitigen Pop als Abschlussarbeit entstanden sein; andernorts regieren artsy Electro Pop, kleine nölige Gitarren-Balladen oder verlangsamter Keyboard-House.
09
lynyn
Ixona
Sooper Records

Zwischen Spät-00er Post-Bass, Frickel-Electronica und IDM bastelt der Produzent aus Chicago an einem Sound, in dem man sich gerne verläuft. In dieser Platte spazieren zu gehen, heißt, mit jedem Durchgang ein neues Genre in den Fokus zu nehmen, das er mit in den Sandkasten schleift. „Ach, guck an“ ist so ein Satz, den man gelegentlich im Kopf hat, so etwas staunend, aber mit viel Freude. Wie “huch”, nur lächelnd.
08
Polygonia
Dream Horizons
Dekmantel

Die Münchnerin Lindsay Wang zelebriert Club-Musik zwischen House, Techno, IDM und Breakbeats, die vor allem deshalb so aufregend ist, weil sie zeigt, dass wir doch noch zu etwas anderem tanzen dürfen als zu den stumpfesten Geradeaus-Tracks. Was sie auf „Dream Horizons“ nochmal ein Stück besser macht als zuvor, ist präziser Maschinenmusik etwas Organisches einzuhauchen. Das ist Tanzmusik mit dem Charme einer Wundertüte, bei der Überraschungen im Ticketpreis enthalten sind.
07
Lukid
Underloop
Death Is Not The End

Mitten in der Nacht: ein abgefangener Schiffsfunkspruch, zu hören: die Musik der letzten Kassette des Bord-DJs, die publikumslos vor sich hinleiert. Verwaschene Beats geistern, Loopfragmente drehen ihre Runden, alles zittert und bleibt doch auf ewig im Endlosschlaufen-Modus. Was das noch mit House zu tun hat, you tell me. Die zerbrechlichen Noise-Elemente, die filigranen und bleepy Beats, gespenstische Melodien und immer wieder diese Loops. Das alles hat nur noch sehr wenig mit den instrumentalen Hip-Hop-Beats zu tun, die er früher auf uns losgelassen hat. Hier ist er endgültig angekommen. So liebliche und doch verendende Sounds. Das kann dann doch niemand so gut wie Luke Blair.
06
AFAR
Changing Rules
Laut & Luise

Es braucht ja gar nicht viel. Was das Berliner Duo AFAR seit einigen Jahren aus ihrem minimalistischen Set-Up heraus entstehen lässt, knüpft an allem an, was ich an buchstäblich cooler und unterkühlter Musik mag, die ihren eigenen Atem sehen kann. Die Drummachine peitscht, die Stimme powert sich durch, die Gitarre sorgt für Atmosphäre. Minimal Wave, Cold Wave, Post-Punk. Ein Sound, der von all dem lernt, was man vor ein paar Dekaden gerne aus belgischen oder französischen Minimal-Wave-Kellern gefischt hat. Die in Nebel und Hall getunkten Stimmen der beiden und die in noisiger Harmonie miteinander verschmelzenden Drummachines, Synths und Gitarren, sie alle tragen diese Musik der Nacht und diese düstere Tanzbarkeit in Ohr, Herz und Beine.
05
Rat Heart
Dancin’ In The Streets
Modern Love

Völlig egal, was man von diesem Album hält. Es ist eine einzigartige Erscheinung in diesem Jahr gewesen. Wie Tom Boogizm seiner letztjährigen 7“ auf Modern Love ein Album folgen lässt, das seinen noisy Songwriter-Soul durch Öllachen, Staub und Matsch zerrt, nur um noch einmal mit Schleifpapier über die Melodien zu gehen, hat mich umgehauen. All das klingt so verloren und unheimlich. Ob zarte Pianotupfer oder harsche Drum-Beats, ob merkwürdig gesetzte Loops, verfremdete Stimmen oder unwirklich erscheinende Songstrukturen. Dream-Pop ohne Pop, Post-Punk ohne Post, Neo-Soul ohne Soul. Wem das zu viel ist, I get, wirklich. Aber ich b r a u c h e das.
04
james k
Friend
AD93

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vertragen sich selten besonders gut, zu oft möchte man das eine für das andere opfern. Die New Yorkerin Jamie Krasner hat einen sehr stilsicheren Weg gefunden, sich mit „Friend“ überall gleichzeitig aufzuhalten, um daraus eine sonische Parallelwelt zu bauen, in der dieses Jahres-Highlight seine Zelte aufgeschlagen hat. In diesem supermodernen und trotzdem mit einem Auge auf Nostalgie schielenden Raum aus Y2K-Style, krachigem Bedroom-Indie und sleekem Hyper-Pop lässt sie Melodien von der Leine, die Bock auf Beats haben und ein bisschen mehr mit ihnen vorhaben, als nur den perfekten Ohrwurm zu imitieren.
03
Raisa K
Affectionately
15 love

Pop-Nicht-Pop, der immer etwas ab vom Schuss aufgeführt wird, und Melodien, die man zwar so nennen darf, aber sich freuen, wenn ihr ihnen einen Mantel aus Anführungszeichen umhängen würdet. Raisa K schreibt die Art von Musik, die ich immer häufiger suche. Kleine Musik der Umwege. Catchy ist das unbedingt und trotzdem etwas unruhig, leiernd, bedroomy und Lo-Fi.
Dass K zur musikalischen Clique rund um Mica Levi gehört, ist ohrensichtlich. Diese verhangenen Sounds, bei denen manchmal nur ein leichter, drönender Beat, ein mit Emotionen geizender Gesang oder ein Bass auf die winzige Bühne drängen, fühlen sich nachts und auf Kopfhörern am wohlsten. Intim wirkende Musik, da möchte ich mich fast entschuldigen, zu lauschen. Schiefer Art-Pop. Dieses Jahr genau das Richtige.
02
Molly Nilsson
Amateur
Dark Skies Association

Dank Molly Nilsson musste ich vor kurzem daran denken, ob es etwas gibt, das ich in den letzten 17 Jahren zwölfmal einigermaßen hinbekommen habe. Vielleicht Spiegeleier. Wenn ich großzügig zu mir bin. Vielen Dank. Sie aber, diese ewige Lieblingsmusikerin, veröffentlicht in dieser Zeit einfach mal Alben. Und was für welche. Ich meine, wo hat sie diese Melodien denn all die Jahre schon wieder versteckt? „Amateur“ ist eines ihrer besten, das will schon der perfekte Opener „Die Cry Lie“ in die kalte Nacht rufen, zu dem es sich über den Tanzboden werfen lässt, aber nicht ohne passende Träne im Knopfloch, dieses sehnsüchtige Mitternachtsgefühl und diese melancholische Euphorie, die niemand so gut beherrscht.
Hier noch Wörter wie Nebelmaschine und Rotwein, weil ohne geht’s ja nicht. Warum nicht Piano-House, Punk und alles dies- und jenseits von Cold- und Synth-Wave mit in den Poptopf rühren? Die Platte heißt auch deshalb „Amateur“, weil der Wortstamm im Lateinischen Liebe bedeutet und wir doch alle keine Profis auf dem Gebiet sind, wie denn auch? Dass die 70 Minuten des Köln-Konzerts mit die besten 70 Minuten dieses Jahres waren, bleibt wenig überraschend. Ach, ach.
01
Joanne Robertson
Blurrr
AD93

Wenn ein Album bei dir einzieht, in dir einzieht, wenn es dich morgens begrüßt, weil es das erste ist, woran du denkst, wenn ein Song wie „Gown“ eben dort noch diesen gänsehautigen Rausch verursacht, wo gar nichts mehr sein dürfte. Wenn eine Künstlerin wie Robertson es schafft, einen Nebel aufziehen zu lassen, in dem Stimme und Gitarre, manchmal auch Cello, zum Verlaufen einladen, Musik mit zarten Fragezeichen spielt und man gemeinsam in die Schatten tritt, in denen man sich ohnehin gerne aufhält. Und man nicht mehr raus möchte. Wenn in diesem leichten ausfadenden Echo des Gitarrenspiels plötzlich eine Tür aufgeht und man einfach mal durchgeht. Wenn Musik es schafft, aus wenig viel zu machen. Und sie so intim und klein wirkt, dass jeder Ton klingt, als wäre er nur für einen selbst gespielt worden.
Wenn unter der Haut noch etwas Platz ist für Sounds, die diesem doomy Nebel-Folk entspringen, den sonst nur eine Liz Harris als Grouper so gut beherrscht (obvious Referenz is obvious, aber come on), und wenn in diesen Geisterballaden und aus den Miniaturen und Skizzen der Vorgängerplatten jetzt Songs entstehen, die nicht mehr gehen wollen. Dann ist es ganz in Ordnung, wenn eine Platte wie „Blurrr“ zum Album des Jahres wird. Gibt es eine Zukunft, was weiß denn ich, und denke ich in ihr an die Musik 2025, denke ich neben „Hold Me In A New Way“ von Elaine Howley (siehe die am Samstag erscheinende Songliste) an „Blurrr“ von Joanne Robertson.